Warten auf die Seenlandbahn

Seit Jahren kämpft die Region um das Lausitzer Seenland sowie die sächsischen Kommunen um Kamenz und Bernsdorf um die Wiederbelebung des Personennahverkehrs auf der Schiene zwischen Kamenz, Bernsdorf und Senftenberg. Ebenso hängt die Verbesserung der Verbindung zwischen Hoyerswerda und Dresden an der Überwindung des fehlenden Schienenpersonennahverkehrs (SPNV) zwischen Kamenz und Hosena. Ein wichtiges Projekt im Rahmen des Lausitzer Strukturwandels weg von der Kohleregion macht Hoffnung, wird aber erst in ca. eine Jahrzehnt umgesetzt sein.

Natürlich gibt es mit dem RE15 und dem RE18 zwei SPNV-Achsen von Dresden via Coswig, Großenhain und Ruhland nach Hoyerswerda bzw,. Senftenberg und Cottbus. Die Seenlandbahn ist auch nicht als Konkurrenz zur Achse Dresden – Ruhland – Lausitzer Seenland zu verstehen, sondern als wichtige und notwendige Ergänzung. Die Zukunft der Achse via Ruhland liegt bei einem vergleichsweise kostengünstigen Streckenausbau in der schnellen Verbindung zwischen der Lausitzmetropole Cottbus und der sächsischen Landeshauptstadt Dresden sowie deren östlichen urbanen gebieten um Radebeul, Coswig, Meißen und Großenhain. Die Seenlandbahn via Kamenz soll neue Potentiale für Berufspendler im Dresdener Norden sowie im Raum um Kamenz und Bernsdorf erschließen. Beide Achsen sind zudem wichtig für die touristische Anbindung des Lausitzer Seenlandes an die Heimat des wichtigsten Besucherpotentials: Sachsen und hier vor allem der Großraum Dresden.

Kurze Historische, verkehrliche und geografische Einordnung

Wenn heute von der Lausitzer Seenlandbahn gesprochen wird, ist die Bahnverbindung von Dresden via Kamenz nach Hosena und weiter bis Senftenberg gemeint. Die Strecke Senftenberg – Kamenz befindet sich auf dem Gebiet der Bundesländer Brandenburg und Sachsen und ist Teil der früheren Nahverkehrs-Verbindung Lübbenau – Senftenberg – Kamenz – Arnsdorf (mit Anschluss nach Dresden). Die Strecke ist eingleisig, mit 100 km/h befahrbar und zwischen Hosena und Kamenz nicht elektrifiziert. Zwischen Senftenberg und Hosena besteht eine elektrifizierte, teilweise ein-, teilweise zweigleisige Schieneninfrastruktur. In Hosena kreuzt die Strecke Dessau – Falkenberg – Ruhland – Hoyerswerda – Horka – Polen (Grenze). Zum 23. Mai 1998 wurde der SPNV zwischen Hosena und Kamenz von der Landesverkehrsgesellschaft Sachsen abbestellt. Damit endete nach 124 Jahren das Kapitel Personenverkehr auf diesem Streckenabschnitt.

Aktuelles Verkehrsangebot

Zwischen Dresden und Kamenz verkehrt heute die in Dieseltraktion betriebene S-Bahn S8. Zwischen Hosena und Kamenz wird immer noch regelmäßiger Güterverkehr gefahren. Seit 2014 gibt es das touristische Angebot Lausitzer Seenlandbahn, zuletzt als Verlängerung der S-Bahn S8 Dresden – Kamenz mit 2 Zugpaaren ab Kamenz bis Senftenberg jeweils an Samstagen und Sonntagen in den sächsischen Sommerferien.

Reaktivierungsbestrebungen und Konzepte

Erste Konzepte zur Wiederbelebung des SPNV wurden bereits Ende der 1990er Jahre durch den Deutschen Bahnkundenverband e.V. entwickelt. In einem Konzept für einen Integralen Taktfahrplan in den neuen Bundesländern war unter anderem ein Regionalexpress Hoyerswerda – Kamenz – Dresden enthalten.
Der Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) hat sich 2018 mit der Idee einer Umstellung der RegionalBahn zwischen Dresden und Kamenz auf einen S-Bahn-Betrieb beschäftigt. Im Ergebnis sollte der SPNV langfristig über Kamenz hinaus nach Senftenberg und Hoyerswerda verlängert werden. Auch das VVO-Konzept „(Batterie-)elektrische Antriebe für die Schiene“ aus dem Jahr 2023 enthält weiterhin die Erweiterung des SPNV-Angebotes Dresden – Kamenz bis Senftenberg und Hoyerswerda.

Die Regionalgruppe Lausitz im Fahrgastverband PRO BAHN Landesverband Berlin-Brandenburg e.V. hatte 2020 ein Konzept für den SPNV zwischen Südbrandenburg und den sächsischen Zentren Dresden und Leipzig vorgestellt, welches unter anderem den Vorschlag des VVO aufgriff und als wichtiges Element der Verbesserung der SPNV-Verbindungen zwischen Brandenburg und Sachsen behandelte.
In der Stellungnahme zum Landesnahverkehrsplan Brandenburg 2023 – 2027 hatte PRO BAHN Berlin-Brandenburg ebenfalls die Wiederaufnahme des SPNV zwischen Kamenz und Senftenberg gefordert. Die Forderung war unter Hinweis des für ein attraktives SPNV-Angebot nicht ausreichenden Ausbauzustands der Strecke abgelehnt worden.

Ein Gutachten des Freistaates Sachsen zu Streckenreaktivierungen aus dem Jahr 2021 prognostizierte für den Abschnitt Hosena – Kamenz 600 Fahrgäste pro Tag. Unter Berücksichtigung der Entwicklung der letzten Jahre (unter anderem Deutschlandticket, touristische Entwicklung Seenlands und Perspektiven für neue und weiter entwickelte Wirtschaftsansiedlungen) dürfte diese Zahl heute deutlich höher ausfallen.

Die aktuelle Fortschreibung des Zielfahrplanes für den Deutschlandtakt enthält die SPNV-Verbindung Dresden – Kamenz – Hoyerswerda / Senftenberg ebenfalls.

Strukturstärkungsgesetz Kohleregionen – langfristiger Ausbau

Im Strukturstärkungsgesetz Kohleregionen ist die Strecke Teil des Projektes „Strecke Arnsdorf – Kamenz – Hosena (-Hoyerswerda – Spremberg) – Ausbau auf bis zu 160 Kilometer pro Stunde und Elektrifizierung, Verbindungskurve Hosena“. Die Verbindungskurve Hosena soll dabei für den Linienast nach Hoyerswerda die Umfahrung von Hosena und eine deutliche Fahrzeitverkürzung erreichen.

Mit Stand Februar 2026 befindet sich das Gesamtprojekt in den Leistungsphasen 1 / 2 (Grundlagenermittlung, Vorplanung mit Variantenuntersuchung) (Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Michael Kellner, Katrin Uhlig, Dr. Sandra Detzer, weiterer Abgeordneter und der Fraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN – Drucksache 21/3776). Baustart soll nach letzten Angaben Anfang der 2030er Jahre sein, die Fertigstellung des Projektes ist für 2037 avisiert.

Kommunalpolitik fordert die tägliche Seenlandbahn seit Jahren

Seit ca. 20 Jahren gibt es immer wieder den Ruf aus der Kommunalpolitik zur Reaktivierung des SPNV-Angebotes, zuletzt im März 2026. Auszug aus einer aktuellen Presseinformation der Stadt Senftenberg: „Am 10. März 2026 trafen sich Vertreter aus Politik, Kommunen und Landkreisen entlang der Bahnstrecke Dresden, Kamenz, Bernsdorf sowie Senftenberg und Hoyerswerda in Senftenberg. Ziel des Treffens war es, die Bahnverbindung langfristig zu sichern und auszubauen. Diese verkehrt bislang nur saisonal in den Sommermonaten und richtet sich vor allem an Touristen und Ausflügler. Nach Angaben der beteiligten Kommunen reicht dieses Angebot jedoch nicht aus, um den steigenden Anforderungen durch den Strukturwandel gerecht zu werden. Gefordert wird deshalb ein ganzjähriger Regelbetrieb. Dieser soll Pendlern, Unternehmen sowie Besuchern eine verlässliche Verbindung zwischen Sachsen und Brandenburg bieten und die Region besser vernetzen.“

PRO BAHN Lausitz: SPNV jetzt reaktivieren und nicht erst in einem Jahrzehnt

Es gibt keinen sachlichen technischen Grund, den SPNV zwischen Senftenberg bzw. Hoyerswerda und Kamenz kurzfristig nicht wieder aufzunehmen. Lediglich die Bahnsteige an den Unterwegsstationen zwischen Hosena und Kamenz müssten in einen für den Alltagsbetrieb nutzbaren Zustand versetzt werden. Bis zur Fertigstellung des Ausbauprojektes aus dem Strukturstärkungsgesetz Kohleregionen sollte als Zwischenlösung eine Verlängerung der S8 Dresden – Kamenz stündlich bis Hosena und jeweils 2-stündlich bis Senftenberg und Hoyerswerda zeitnah umgesetzt werden. Es ist den Menschen und der Wirtschaft entlang der Strecke einfach nicht vermittelbar, dass noch weitere 11 Jahre ins Land gehen sollen, bis der Personenverkehr wieder aufgenommen wird.

Die Verbindung von Dresden ins Lausitzer Seenland ist nicht erst in einem Jahrzehnt wichtig für Pendler und Touristen, für Wirtschaft und Kommunen, sondern bereits heute. Es muss Zwischenlösungen geben, welche den noch langen Zeitraum bis zum Streckenausbau überbrücken.

Bild: Eine bereits historische Aufnahme aus dem Jahr 2019 von der damaligen RB34 Dresden – Kamenz im Bahnhof Dresden Neustadt. Den damaligen Betreiber Städtebahn gibt es schon nicht mehr, die Seenlandbahn indes gibt es noch nicht wirklich, sondern nur als touristisches Nischenprodukt an den sächsischen Sommerferienwochenenden.